Ping-Pong mit Pinguin

21.03.2020

 

LIEBE DEINEN NÄCHSTEN UND DEINE ÜBERNÄCHSTE

 

 

Vor dem S-Bahnhof in Hannover-Kleefeld, von dem ab heute die Bahnen nur noch stündlich fahren, sah ich gestern dieses Schrift. Ich hab es erst gar nicht entziffert, sondern stand buchstäblich zwischen einem großen E und halb auf einem großen N. Dann ging ein paar Schritte zurück, um das Ganze lesen zu können:

 

 


 

LIEBE DEINEN NÄCHSTEN WIE DICH SELBST

 

Sonst sehe ich mit dieser Kreide gemalte Feuerwehren und Hüpf-Quadrate, Blumen und Strichmännchen. Und hier zitiert diese Kreide Jesus, der wiederum alte Sätze aus der hebräischen Bibel zitiert. Ich lese den Satz und höre in den Nachrichten, wie Politiker*innen Worte von Solidarität sprechen. Und da wundere ich mich zweimal hintereinander. Über diese Worte und über mich selbst.


Einmal wird Solidarität in Europa angemahnt: nämlich, die Grenzen innerhalb des Schengen-Raums für den Warenverkehr zu öffnen, das sei wichtig, auch gerade für die Versorgung mit medizinischem Gerät. Ja, das ist wichtig, denke ich; denn dann ist meine Familie sicher! Und frage mich in der nächsten Sekunde, wie denn Menschen außerhalb Europas in dieser Krise versorgt werden.

 

Zum Zweiten sehe ich Bilder von verzweifelten Ärztinnen und Pflegern in Italien und Spanien, die sich entscheiden müssen, welchen Kranken sie versorgen, weil die Beatmungsgeräte nicht für alle Infizierten reichen. Und ich atme auf: Weil Deutschland sich gerade gut vorbereitet und die Situation hier noch nicht so schlimm ist wie dort.

 

Und dann schäme ich mich: Kann es sein, dass in Italien Menschen sterben, die in einem Krankenhaus in Deutschland eine Chance hätten zu überleben? Ich bin kein Arzt oder Virologe und weiß nicht, was medizinisch richtiges Handeln ist. Aber  mich erschrecken meine eigenen Gedanken: „Gut, dass wir wohl gut versorgt würden, wenn es soweit wäre; gut, dass wir her nicht italienische Verhältnisse haben.“

 

LIEBEN DEINEN NÄCHSTEN WIE DICH SELBST, lese ich auf dem Boden vor dem S-Bahnhof Hannover-Kleefeld. Beim nächsten Einkauf im Drogerie-Markt habe ich alle Chancen, diesen Satz zu einem Vorsatz zu machen.

 

Es grüßt Sie und Euch von Herzen,

Pastor Axel Kawalla

Vakanzvertreter in der St.-Petri-Gemeinde